Kann man Depressionen an der Sprache erkennen?

Absolutistisches Denken wird in den vielen kognitiven Therapien gegen Angst und Depression als kognitive Verzerrung betrachtet, dennoch gibt es nur wenige empirische Belege für seine Prävalenz oder Spezifität in Bezug auf diese psychischen Erkrankungen. Die Sprache kann in zwei Komponenten analysiert werden: Inhalt und Stil, wobei sich der Inhalt auf das bezieht, was man ausdrücken möchte, also die Bedeutung oder den Gegenstand von Aussagen. Menschen mit Depressionssymptomen verwenden übermäßig viele Wörter, die negative Gefühle ausdrücken, insbesondere negative Adjektive und Adverbien wie „einsam“, „traurig“ oder „elend“. Menschen mit depressiven Symptomen verwenden deutlich mehr Pronomen der ersten Person Singular wie „ich“, „mich“ und „ich“ und deutlich weniger Pronomen der zweiten und dritten Person wie „sie“, „Sie“, „er“ oder „sie“. Dieses Muster der Pronomenverwendung deutet darauf hin, dass Menschen mit Depressionen stärker auf sich selbst konzentriert sind und weniger mit anderen in Verbindung stehen. Es hat er sich schon gezeigt, dass Pronomen bei der Identifizierung von Depressionen zuverlässiger sind als Wörter mit negativen Emotionen. Man weiß auch, dass Grübeln über persönliche Probleme und soziale Isolation häufige Merkmale von Depressionen sind. wobei man jedoch nicht genau weiß, ob diese Befunde Unterschiede in der Aufmerksamkeit oder im Denkstil widerspiegeln, d. h., führt eine Depression dazu, dass sich Menschen auf sich selbst konzentrieren, oder bekommen Menschen, die sich auf sich selbst konzentrieren, Symptome einer Depression. Der Sprachstil hingegen bezieht sich auf die Art und Weise, wie Menschen sich ausdrücken, und nicht auf den Inhalt, den sie ausdrücken wollen.

In drei Studien haben Al-Mosaiwi & Johnstone (2018) eine Textanalyse von Internetforen mit Hilfe sprachanalytischen Methoden durchgeführt, und zwar eine Big-Data-Textanalyse von 64 verschiedenen Online-Foren zur psychischen Gesundheit und dabei über 6 400 Mitglieder untersucht. Absolutistische Wörter, die absolute Größen oder Wahrscheinlichkeiten ausdrücken, wie z. B. „immer“, „nichts“ oder „vollständig“, erwiesen sich dabei als bessere Marker für Foren zur psychischen Gesundheit als Pronomen oder Wörter mit negativen Gefühlen. Foren von Menschen mit Angst, Depression und Suizidgedanken enthielten mehr absolutistische Wörter als Kontrollforen, Foren mit Suizidgedanken enthielten ebenfalls mehr absolutistische Wörter als Foren mit Angst und Depression. Die Forscher konnten damit zeigen, dass diese Unterschiede eher auf absolutistisches Denken als auf psychologische Notlagen zurückzuführen sind. Interessant ist, dass die absolutistischen Wörter den Schweregrad der Foren für affektive Störungen besser widerspiegeln als die Wörter für negative Emotionen. Schließlich fanden sie einen erhöhten Anteil an absolutistischen Wörtern in Foren zur Genesung von Depressionen, was darauf hindeutet, dass absolutistisches Denken ein Vulnerabilitätsfaktor sein könnte.

Die Sprache der Depression zu verstehen, kann vielleicht helfen, die Denkweise von Menschen mit depressiven Symptomen besser zu verstehen, wobei eine solche maschinelle Klassifizierung bereits jetzt die von ausgebildeten Therapeuten vorgenommene übertrifft. Wichtig ist, dass die Klassifizierung durch maschinelles Lernen immer besser wird, je mehr Daten zur Verfügung stehen und je ausgefeilter die Algorithmen sind. Dabei geht es nicht nur um die bereits erörterten allgemeinen Muster von Absolutismus, Negativität und Pronomen, sondern man kann den Computer auch einzusetzen, um immer spezifischere Unterkategorien psychischer Probleme wie Perfektionismus, Selbstwertprobleme und soziale Ängste zu erkennen. Zwar können Menschen auch eine Sprache zu verwenden, die mit Depressionen assoziiert wird, ohne tatsächlich depressiv zu sein, doch ist es sicherlich wichtig, mehr Instrumente zur Erkennung der Krankheit zur Verfügung zu haben, um die Gesundheit zu verbessern und etwa tragische Selbstmorde zu verhindern.

Literatur

Al-Mosaiwi, M. & Johnstone, T. (2018). In an Absolute State: Elevated Use of Absolutist Words Is a Marker Specific to Anxiety, Depression, and Suicidal Ideation. Clinical Psychological Science, 6, 529-542.

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