Finanzpsychologie
10. April 2009 – 11:16
Während die klassische Finanztheorie von einem „Homo oeconomicus“ ausgeht, ist für die Finanzpsychologie sind ökonomische Faktoren wie Aktienkurs oder Preisfindung demnach nicht so sehr eine mathematische Angelegenheit, sondern vor allem ein psychologischer und sozialer Vorgang. Schon um das Jahr 1933 entwickelte der britische Ökonom John Maynard Keynes einen „Beauty Contest“, um das komplexe Verhalten von Anlegern zu skizzieren. Bei einem Preisausschreiben sollten aus 100 Mädchenfotos die sechs hübschesten Gesichter ausgewählt werden. Gewinner wurde, wer dem Mehrheitsvotum aller Beteiligten am nächsten kam. Entscheidend war also nicht der eigene Geschmack – vergleichbar mit individuellem ökonomischem Sachverstand –, sondern die Menschenkenntnis, um eine Durchschnittsmeinung abzuschätzen. Ziemlich ähnlich funktioniert laut Keynes professionelles Investieren: Bereits damals postulierte er, dass der Wert einer Aktie primär eine soziale Konvention sei, die auf harten, fundamentalen Faktoren wie auch auf weichen, sozialen Grundlagen basiere. Das war die Geburtsstunde der Disziplin der „Behavioral Finance“, der verhaltenspsychologischen Finanztheorie, die davon ausgeht, dass sich Menschen überhaupt nicht vernünftig, sondern menschlich und dementsprechend oft irrational verhalten. Nach Erich Kirchler (Institut für Wirtschaftspsychologie Universität Wien) ist die Psychologie als empirische Wissenschaft erst sehr spät in die Ökonomie eingeflossen, sodass Behavioral Finance lange Zeit als Pseudowissenschaft verhöhnt wurde. Doch inzwischen sprechen alle empirischen Fakten dafür, dass dieser Ansatz eine Bereicherung für die moderne Finanzmarkttheorie ist. Robert Shiller wies nach, wie bizarr die Börsenpreise eines Wertpapiers oft vom fundamental gerechtfertigten Preis abweichen, wobei meist irrationales Anlegerverhalten dafür verantwortlich sind. Seit Tversky und Kahneman für ihre Arbeiten 2002 den Nobelpreis bekamen, ist die Behavioral-Finance-Theorie keine Pseudowissenschaft mehr. Zahlreiche altbekannte Modelle aus der Psychologie (selektive Wahrnehmung, kognitive Dissonanz, Herdentrieb, Emotionen, Risikoverhalten usw.). Neueste Entwicklungen wie Neuro-Ökonomie bzw.Neuro-Marketing beziehen auch Forschungsergebnisse der Neuropsychologie mit ein.
Quelle: http://www.profil.at/articles/0915/560/238988/profil-gegen-vernunft (09-04-10)