„Bahnbrechende“ Forschungsergebnisse der Gehirnforschung

Bei der Betrachtung der spektakulären Befunde, die die Neurowissenschaft angeblich tagtäglich liefert, vergisst man dabei, dass es sich dabei um eine Grundlagendisziplin handelt, die für ihre Modelle mit Durchschnittswerten rechnet, während es in der Anwendung solcher Erkenntnisse aber in der Pädagogik oder Didaktik stets um den Einzelfall geht. Dabei wird auch außer Acht gelassen, dass jedes einzelne Gehirn speziell und letztlich unberechenbar ist, denn was die kognitive Neurowissenschaft mit dem Magnetresonanztomografen an blinkenden und blitzenden Aktivitätsmustern erfasst, entspricht keinem einzelnen Gehirn und auch niemals eins zu eins einem konkreten Gedanken, einer gefühlten Emotion oder einer spezifischen Vorstellung. Diese Muster sind letztlich sinnfrei, denn bei einem einzelnen Kind in einem Gehirnscanner wird man nie etwas Konkretes und in der Praxis Umsetzbares finden.

Auch wenn in den letzten Jahren das Wissen über die Funktionsweise des Gehirns, über die dabei ablaufenden Prozesse auf molekularer Ebene und über das Zusammenspiel der Nervenzellen und Zellverbünde im Gehirn enorm angewachsen ist, weiß man dennoch nicht mehr über das menschliche Gehirn und dessen Funktionsweise als schon seit mehr als hundert Jahren in der Psychologie bekannt ist. Es wäre für die modernen Neurowissenschaften daher notwendig, die umfangreiche Forschungsliteratur der frühen Psychologie zu studieren und diese Erkenntnisse in Relation zu den eigenen und angeblich so bahnbrechenden Forschungsergebnissen der Gehirnforschung zu setzen. Vor allem in den Bereichen der Wahrnehmungs- und Lernpsychologie ist mehr oder minder seit einem Jahrhundert bekannt, wie etwa das menschliche Lernen oder das Gedächtnis funktioniert. Allerdings haben diese alten Erkenntnisse wenig bis gar keinen Eingang etwa in das Bildungssystem oder die Erziehung gefunden – was anscheinend auch bei den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen wohl nicht anders sein wird. Die Psychologie sollte aber versuchen, den derzeitigen Hype der Gehirnforschung, der ein breites Publikum erreicht, nutzen, um das einschlägige spezifische Wissen um die Gehirnprozesse abermals zu verbreiten. Allerdings werden dann durch Journalisten häufig verfälschte bzw. simplifizierte „Erkenntnisse“ publiziert, die dann Erwartungen erzeugen, die eine seriöse Forschung – und vor allem eine Grundlagenforschung – niemals erfüllen kann.

Am 17. Februar 2017 schreibt Stephan Schleim in Telepolis unter dem Titel „Unsinniger Neuro-Realismus“: „Neuro-Realismus ist unsinnig. Die Psychologie und andere Sozialwissenschaften haben mehr als ein Jahrhundert methodologischer Forschung hinter sich. Die Effekte, die sich damit und mithilfe sauberen Experimentierens finden, brauchen sich hinter keinem noch so teuren Apparat zu verstecken – und auch nicht hinter sogenannten „harten“ Wissenschaften (die doch auch nur mithilfe von Statistik die Welt beschreiben können).“ Und: „Die Neuronen verraten uns nicht von selbst, was sie tun. Es ist daher umgekehrt so, dass die Neurowissenschaft oft die Psychologie nötig hat, um zu verstehen, wie das Gehirn funktioniert.“




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