„Bahnbrechende“ Forschungsergebnisse der Gehirnforschung

Auch wenn in den letzten Jahren das Wissen über die Funktionsweise des Gehirns, über die dabei ablaufenden Prozesse auf molekularer Ebene und über das Zusammenspiel der Nervenzellen und Zellverbünde im Gehirn enorm angewachsen ist, weiß man dennoch nicht mehr über das menschliche Gehirn und dessen Funktionsweise als schon seit mehr als hundert Jahren in der Psychologie bekannt ist. Es wäre für die modernen Neurowissenschaften daher notwendig, die umfangreiche Forschungsliteratur der frühen Psychologie zu studieren und diese Erkenntnisse in Relation zu den eigenen und angeblich so bahnbrechenden Forschungsergebnissen der Gehirnforschung zu setzen. Vor allem in den Bereichen der Wahrnehmungs- und Lernpsychologie ist mehr oder minder seit einem Jahrhundert bekannt, wie etwa das menschliche Lernen oder das Gedächtnis funktioniert. Allerdings haben diese alten Erkenntnisse wenig bis gar keinen Eingang etwa in das Bildungssystem oder die Erziehung gefunden. Die Psychologie sollte daher versuchen, den derzeitigen Hype der Gehirnforschung, der ein breites Publikum erreicht, nutzen. Allerdings werden durch Journalisten häufig verfälschte bzw. simplifizierte „Erkenntnisse“ verbreitet, die dann Erwartungen erzeugen, die eine seriöse Forschung niemals erfüllen kann.

Am 17. Februar 2017 schreibt Stephan Schleim in Telepolis unter dem Titel „Unsinniger Neuro-Realismus“: „Neuro-Realismus ist unsinnig. Die Psychologie und andere Sozialwissenschaften haben mehr als ein Jahrhundert methodologischer Forschung hinter sich. Die Effekte, die sich damit und mithilfe sauberen Experimentierens finden, brauchen sich hinter keinem noch so teuren Apparat zu verstecken – und auch nicht hinter sogenannten „harten“ Wissenschaften (die doch auch nur mithilfe von Statistik die Welt beschreiben können).“ Und: „Die Neuronen verraten uns nicht von selbst, was sie tun. Es ist daher umgekehrt so, dass die Neurowissenschaft oft die Psychologie nötig hat, um zu verstehen, wie das Gehirn funktioniert.“




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