Gibt es Urängste im Menschen oder sind alle Ängste erlernt?

Diese Frage lässt sich nicht ganz eindeutig beantworten. Die meisten Ängste sind erlernt, und hängen meist mit traumatischen Erfahrungen in der Kindheit oder Jugend zusammen. Dabei brennen sich solche Erfahrungen tief in das Gedächtnis ein. Das ist letztlich auch biologisch und evolutionär betrachtet sinnvoll. Manche dieser Erfahrungen sind aber so schmerzlich, dass sie auch auf Menschen Einfluss haben, wenn diese erwachsen sind. Viele Ängste tragen Menschen bis zu ihrem Tod mit sich herum, d.h., sie tragen gleichsam immer noch den traumatisierten Buben oder das verletzte Mädchen in sich.

Wovor Menschen Angst haben, ist häufig auch vom kulturellen Kontext abhängig, in dem sie leben. Kulturunterschiede in der Risikobewertung von einzelnen Gefahren kommen vor allen durch soziales Lernen zustande, denn Menschen neigen dazu, das Verhalten von Menschen in ihrer Umgebung zu übernehmen, d.h., wovor sich Menschen fürchten ist auch Teil einer soziale Strategie innerhalb einer Gruppe. Kulturspezifischen Ängste werden im Gegensatz zu früher durch den Einfluss der Medien rascher und weiter verbreitet, aber auch überhöht und vervielfacht.

Nach neuesten Erkenntnissen ist übrigens eine genetisch verankerte Variante eines Rezeptors im Gehirn, der als Andockstelle für Noradrenalin dient, dafür verantwortlich, dass man sich besonders stark an emotional gefärbten Erlebnisse erinnert. Menschen unterscheiden sich offensichtlich aber auch genetisch, wie stark sich traumatische Erlebnisse ins Gedächtnis eingraben. Die Neigung, Angst zu empfinden, kann als relativ überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal betrachtet werden.

Es gibt jedoch einige angeborene Schreck- und Angstreaktionen auf auslösende Schlüsselreize, die im Tierreich gut untersucht und auch in Ansätzen beim Menschen nachweisbar sind, z.B. als Abwehr- oder Fluchtreflexe, etwa das Zurückschrecken vor einem Abgrund, die Schreckreaktion bei unbekanntem Lärm. Angeboren sind vermutlich auch die Angst vor dahinkriechenden Tieren im Wald, die Angst vor Blitz und Donner, die Angst vor Dunkelheit, und die Angst vor Höhen.

Anmerkung: Die Antwort stammt aus einem Interview des Autors mit einer Wochenzeitschrift.




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