Zum Thema ‘Randständiges’

Das Böse in der Welt



Auf die bösen Menschen ist Verlass, die ändern sich nicht.
William Faulkner

In einem durch ein eher skurriles Jesusbild gekennzeichneten Büchlein mit dem Titel „Selbsterkenntnis: Der Weg zum Herzen Jesu“ versucht die in den verschiedensten Medien präsente Journalistin und Soziologin Gabriele Kuby, eine ihrer Meinung nach noch unaufgeklärte Öffentlichkeit von ihrem eigenen katholischen Weltbild zu überzeugen, das sie offensichtlich nach einer gescheiterten Ehe durch eine wie auch immer geartete Erleuchtung entdeckt hat. Sie erinnert dabei ein wenig an die in dieser Hinsicht wesentlich radikalere Gloria Polo Ortiz, deren Erleuchtung sich von einem Blitzschlag herleitet. Kuby ist auf Grund ihrer Bildung natürlich wesentlich subtiler, wenn sie an ihr Anliegen herangeht, und aus einer psychologischen Perspektive betrachtet gefährlicher, wenn es darum geht, andere Menschen von der Richtigkeit ihres Weges zu überzeugen. Gabriele Kuby entpuppt sich in diesem Büchlein als eine charakteristische Konvertitin, die sich aus Gründen der eigenen Psychohygiene extrem positioniert, um dann besser auf einen von ihr aufgebauten Götzen reflektieren zu können.

Am Beginn des Büchleins beschreibt sie eingangs und auch wiederholt im Verlaufe des Textes extrem verallgemeinernd die böse, sündige Welt, um dann später ihre Heilsbotschaft los zu werden. Immer wieder arbeitet sie in ihrem Text mit dem Barnum-Effekt, d. h., sie beschreibt Situationen und Probleme, benennt Gefühle und Ansichten, denen wohl eine große Mehrheit der Menschen zustimmen kann, um dann daraus abzuleiten, dass ihre Argumentation und die darauf folgende Lösung die einzig plausible ist. Natürlich wünschen sich Menschen eine bessere Welt, natürlich haben Menschen eine Sehnsucht nach Gemeinschaft! Kommunikationswissenschaftler dressieren bekanntlich heute Politiker und Spitzenmanager erfolgreich darauf, in ihren Statements durch eine Mischung aus einfach formulierten Wünschen, unklaren aber gescheit klingenden Formulierungen und suggerierenden Behauptungen mit sozialen Untertönen zum Erfolg zu kommen.

Daher liest sich das Büchlein in weiten Teilen auch als Propagandaschrift, was in Bezug auf ihr durchaus ehrenwertes Anliegen grundsätzlich nicht so problematisch wäre, jedoch liegt die Gefahr in Kubys Anspruch, die Welt vor dem Bösen retten zu müssen, darin, dass sie nicht mehr dem einzelnen Menschen eine Verantwortung für sein Tun, für Unrecht und Verletzungen zuschreibt, sondern einem ungreifbaren „Bösen“, d. h., dem Teufel. So erleichtert sie Menschen, die sich von ihren Fehlhandlungen durch Externalisieren zu befreien, indem sie die Verantwortung für ihr Handeln an ein außerhalb von ihnen liegendes Böses abschieben können. Sie steht damit in der biblischen Tradition des Scapegoating, also der Einführung eines Sündenbockes. Der Sündenbockmechanismus wird immer dann gebraucht, wenn eine Gemeinschaft innerlich zerrissen ist oder sich vom Zerfall oder von einer Katastrophe bedroht fühlt. Dadurch, dass man damit eine falsche kausale Verbindung zwischen Bedrohung und dem ausgewählten Sündenbock herstellen kann, wird das Übel ausgelagert und die Gemeinschaft stabilisiert. Das trifft bekanntlich aktuell auf die katholische Religionsgemeinschaft zu.

Das von Kuby propagierte, konservativ geprägte Jesusbild funktioniert in dem Text und auch in anderen Schriften (etwa zur allgemeinen Sexualisierung der Gesellschaft) nur aus diesem künstlich aufgebauten Kontrast zu einem bedrohlichen Bösen, sodass mit diesem Abwehmechanismus alle negativen Selbstanteile wie etwa Aggressionen zuerst vom Ich abgespalten und dann auf ein Gegenüber projiziert werden. Kurioserweise bemüht sie allein im Blick auf andere diesen Verdrängungsmechanismus der Projektion, ohne im geringsten selbstkritisch zu sein und zu erkennen, dass die von ihr vermutete Bedrohung durch das Böse bloß eine Projektion ihres verengten Weltbildes auf eine vielfältige und bunte Welt darstellt.



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Scheibenkratzer-Psychologie ;-)



Wolfgang Görl berichtet in der SZ vom 5. Jänner 2011 über jungen Forschungszweig der Scheibenkratzer-Psychologie, einem Teilgebiet psychologischer Feldforschung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Archetypen jener Menschen zu bestimmen, die an Wintermorgen das Eis von ihren Windschutzscheiben entfernen. Diese Personen treten in drei bisher noch nicht empirisch ausreichend abgesicherten Formen auf, da diese Gruppen bisher nur im Großraum München systematisch beobachtet wurden: „Der Pedant, meist ein mittlerer Beamter aus dem Nichtrauchermilieu, betrachtet vereiste Windschutzscheiben als Herausforderung, der man sich mit allen Mitteln der modernen Technik zu stellen hat. Er verfügt über ein gewaltiges Arsenal an Besen, Eiskratzern, Heißluftgebläsen und chemischen Substanzen, zu deren Einsatz die gesamte Familie oft schon um Mitternacht und dann wieder am Morgen antreten muss. Erst wenn das Auto samt Reifen komplett eis- und schneefrei ist, fährt er los. Der Pragmatiker ist schon zufrieden, wenn er das Eis von der Windschutzscheibe gekratzt hat, den Rest, so hofft er, erledigen Heizung und Fahrtwind. Der psychologisch interessanteste Typ ist aber der Hasardeur. Ihm genügt ein Guckloch in der Größe einer Zwei-Euro-Münze, um sein Auto als startklar anzusehen. Während der Fahrt späht er mit einem Auge durch das Loch, während das andere geschlossen bleibt. Die Orientierung erfolgt intuitiv, wobei es schon mal vorkommen kann, dass er in Ramersdorf landet, obwohl er nach Pasing wollte. Modernen Hasardeuren passiert das nicht. Sie lassen sich vom Navi leiten, weshalb sie nicht einmal ein Guckloch brauchen. Trotzdem kommen auch sie nicht immer ans Ziel.“ Darüber hinaus gibt es die Schriftstellerin Claudia Taller, die solche Scheibenkratzer verschenkt!

Quelle:
http://www.sueddeutsche.de/75B38F/3820727/
Goerls-MuenchenVom-Eise-befreit-mehr-oder-weniger.html (11-01-15)



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