Erziehungsverhalten türkischstämmiger und deutscher Mütter

Orientiert man sich an den sprachlichen Voraussetzungen, so haben mehr als 30 % aller Schulkinder in Deutschland einen Migrationshintergrund. Oft gelten kulturspezifische Überzeugungen, Werte und Praktiken als angemessener Weg, um Kinder zu erziehen. Elterliche Werte und Erziehungsziele manifestieren sich in den Erziehungspraktiken, die Eltern anwenden, um ihre Kinder diesen Zielen nahezubringen. Darüber hinaus wird das Elternverhalten durch das Zusammenspiel vielfältiger Faktoren, wie zum Beispiel den Bildungshintergrund, die individuellen psychologischen Ressourcen der Eltern und den sozialen Kontext, in den die Eltern-Kind-Beziehung eingebettet ist, beeinflusst. Die türkischstämmige Wohnbevölkerung stellt die größte Gruppe unter den in Deutschland lebenden Zuwanderern dar. Man geht davon aus, dass türkischstämmige Eltern zu einem ängstlich-behüteten Erziehungsstil neigen, der mit Sozialisationspraktiken einher geht. Diese sind durch eine hohe soziale Kontrolle als auch durch geschlechtsspezifische Rollendifferenzierung gekennzeichnet. Wie in allen ethnischen Gruppen steht auch die Erziehung und Sozialisation türkischer Kinder in Zusammenhang mit den Bildungsvoraussetzungen der Eltern. Weiters kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Kinder mit Migrationshintergrund aus sozialen Schichten mit niedrigem Bildungsniveau stammen. Das Ziel der Studie ist zwischen Einflüssen der Kultur als auch der Bildung zu unterscheiden. Viele türkische Familien messen den Bildungsinstitutionen weniger Wert zu als deutsche Familien. Bei der durchgeführten Studie wird davon ausgegangen, dass Eltern ihren Kindern gegenüber häufig rigides und inkonsistentes Erziehungsverhalten anwenden, aber auch die Erziehungsverantwortung oft an den Kindergarten delegieren. Zusätzlich werden Bildung als auch Berufsqualifikation als wichtige Indikatoren angenommen (vgl. Jäkel & Leyendecker, 2009, S. 1-4).

Studie

Für die vorliegende Untersuchung wurden Familien mit 3 – 4 Jahre alten Kindern deutscher (n= 106) und türkischer (n=100) Herkunft aus Kindergärten im Ruhrgebiet geworben. Die Rekrutierung erfolgte über eine Kontaktaufnahme zu den jeweiligen Kindergartenleitungen, die die Mütter über die Studie informierten. Die Teilnahme war freiwillig und wurde mit einer Aufwandsentschädigung vergolten. Es wurde sowohl eine Unterscheidung in türkischstämmige und deutsche Mütter als auch der Väter unternommen. Weiters wurde eine Unterteilung des Alters, des Bildungsstandes, der beruflichen Qualifikation, dem Anteil Berufstätiger, den Arbeitsstunden Berufstätiger/Woche, Zahl der Schuljahre in Deutschland, Kinderzahl pro Familie, Wohnungsgröße und Geschlecht der Kinder vorgenommen.
Untersuchungsinstrumente waren dabei: Alabama Parenting Questionnaire (APQ) ist ein Fragebogen zur Erfassung des elterlichen Erziehungsverhaltens, mit dem die Eltern anhand einer fünfstufigen Skala ihr Erziehungsverhalten einschätzen sollen. Die Fragen wurden leicht modifiziert, um an das Alter der Kindergartenkinder angepasst zu werden.
In der vorliegenden Studie wurden Einflussfaktoren für die Ausprägung inkonsistenten und rigiden Elternverhaltens sowie die Bereitschaft, Erziehungsverantwortung an den Kindergarten zu delegieren in einer Stichprobe deutscher und türkischstämmiger Mütter von Vorschulkindern untersucht. Dabei ergaben sich große kulturelle Unterschiede, bei denen klar wurde, dass türkischstämmige Mütter öfter rigides und inkonsistentes Erziehungsverhalten zeigen und auch gleichzeitig die Erziehungsverantwortung öfter an den Kindergarten abgeben. Im Gegensatz zu deutschen Eltern erwarten die türkischen Eltern von den Erzieherinnen im Kindergarten eine stärke Disziplinierung ihrer Kinder. Weiters wurde angenommen, dass mütterliche Bildung ein wichtiger Einflussfaktor für das Erziehungsverhalten ist, jedoch konnte diese Annahme nicht bestätigt werden. Es konnte aber ein Einfluss der mündlichen und schriftlichen Sprachfähigkeit für das inkonsistente Elternverhalten der türkischstämmigen Mütter festgestellt werden. Zusätzlich konnte bestätigt werden, dass psychosoziale Belastung der Mutter als auch die Kinderzahl in der Familie das Erziehungsverhalten beeinflusst. Auch das Geschlecht des Kindes hat das Erziehungsverhalten nicht beeinflusst. Rigides und inkonsistentes Elternverhalten stellen bei türkischen Eltern relativ änderungsresistente kulturspezifische Charakteristika dar und können auch durch psychosoziale Belastungen beeinflusst werden (vgl. Jäkel & Leyendecker, 2009, S. 5 ff).
Literatur
Jäkel, J., & Leyendecker, B. (2009). Erziehungsverhalten türkischstämmiger und deutscher Mütter von Volkschulkindern. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 56, 1-15.




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