Rezension Mark Wolynn „Dieser Schmerz ist nicht meiner“

Eine kleine Vorgeschichte zur Rezension: Nachdem ich das Exemplar vom Verlag erhalten hatte, lag es einige Zeit in meinem Wohnzimmer und wartete darauf, von mir gelesen zu werden. Dabei ergab es sich, dass zwei gute Freundinnen, die auf Besuch waren, das Buch sahen und baten, es ein wenig anlesen zu dürfen. Beide kamen schon nach der Lektüre weniger Kapitel zu dem Schluss, dass der Ansatz, den Mark Wolynn in seinem Buch beschreibt, auch auf sie persönlich und ihre Familien zuträfe. Sie berichteten von Ereignissen in ihren Familiengeschichte, die ihrer Meinung nach an die nächste Generation weitervererbt wurden. Insbesondere träfe das auf ihre eigenen Kinder zu und sie würden das Buch diesen empfehlen, damit diese vielleicht aus dieser störenden Tradition ausbrechen können.

Mark Wolynns Buch „Dieser Schmerz ist nicht meiner – Wie wir mit dem seelischen ERbe unserer Familie aussöhnen“ – im englischen Original: „It Didn’t Start with You: How Inherited Family Trauma Shapes Who We Are and How to End the Cycle“ – ist als Selbsthilfebuch gedacht, mit dessen Hilfe Menschen sich mit belastenden Traumata ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen können. Im Klappentext heißt es: „Manche Menschen sind grundlos traurig, ängstlich oder leiden an Schmerzen, für die es keine Erklärung gibt. Manche wollen ihr Potenzial leben und stoßen immer wieder an eine Grenze, die unüberwindbar scheint. Die Ursache kann in der Familiengeschichte liegen, wenn erlittenes Leid durch Kriegserlebnisse, Unfälle oder eine frühe Trennung von den Eltern an die nächste Generation weitervererbt wurde.“

Nach einer autobiographischen Einleitung, in der Wolynn seine persönliche Familiengeschichte darlegt, folgen einige allgemeine theoretische Ausführungen zu Traumata, Zellbiologie, Epigenetik und auch psychoanalytischen Ansätzen wie dem Unbewussten, die mit konkreten Fällen unter Einbeziehung der Lebensgeschichte der Leserin oder des Lesers beschrieben und analysiert werden. Dabei bedient sich Wolynn einer leicht verständlichen Sprache, die aber wie viele dieser Bücher Gefahr läuft, durchaus wissenschaftlich Fundiertes zu sehr zu verallgemeinern und manchmal auch zu trivialisieren. Im zweiten Teil des Buches geht es um die Sprache – die Erforschung der Schlüsselsprache -, die nach Ansicht von Wolynn mehr verrät, als den Menschen bewusst ist und einen Schlüssel zu den tradierten Geschehnissen darstellen. Auch dieser Abschnitt wird anhand zahlreicher Fallbeispiele illustriert, wobei mit Hilfe von Brückenfragen die Schlüsselsätze der Betroffenen herausgearbeitet werden. Hilfsmittel sind dabei die Anhang angeführten Fragen zur Familiengeschichte und Fragen zu früheren Traumata, durch die eine fallspezifische Genealogie der tradierten Traumata entwickelt werden soll. Im dritten Abschnitt schließlich geht es um die in den vorherigen Schritten gefundenen Erkenntnisse in die aktuelle Situation zu integrieren – Wolynn: „die Verbindung wiederherstellen“. Wie schon in anderen Abschnitten werden mit Hilfe von schriftlichen Aufgabenstellungen zu einzelnen Traumaauslösern, etwa der Beziehung zu den Eltern, dem Verhältnis zum eigenen Körper, zu Trennungserfahrungen oder zu missglückten Beziehungen, Möglichkeiten für heilende Schlüsselsätze aufgezeigt, um der Eigendynamik des Erbes zu entkommen. An das Ende des Buches stellt der Autor die Hoffnung, dass man mit seiner Hilfe den hinter allen Traumata mehr oder weniger versteckten Ängsten im Überblick über die aufgearbeiteten Geschehnisse besser begegnen kann.

Als Selbsthilfebuch, um Familientraumata zu heilen, stellt es trotz der einfachen und manchmal suggestiven Darstellung hohe Anforderungen in Bezug an Selbstreflexion an die Leserin oder den Leser, sodass der Anspruch, „sich wieder mit sich selbst zu verbinden und endlich das eigene Leben zu leben“ hoch gegriffen scheint. Die Problematik der Selbsthilfe bei den meisten psychischen Problemen ist erfahrungsgemäß die persönliche Involviertet und Betroffenheit, die einen nüchternen Blick auf traumatische Ereignisse erschwert. Dennoch kann das Buch vor allem begleitend zu einer psychotherapeutischen Behandlung empfohlen werden, nicht zuletzt auch TherapeutInnen, die die als Tools bezeichneten Fragelisten oder vorgeschlagenen Rituale in ihre psychotherapeutischen Begleitung integrieren können.

Hinweis: In gewisser Weise verwandt ist dieser Ansatz dem Grundgedanken der Imago-Therapie, in der davon ausgegangen wird, dass unverarbeitete Konflikte und Erlebnisse aus der Kindheit die Beziehungswelt Erwachsener belasten können. „Imago“ ist dabei die tiefenpsychologische Bezeichnung für ein idealisiertes Bild von Personen, das vor allem in der frühen Kindheit unbewusst entsteht und später die Entscheidungen und Handlungen des Erwachsenen beeinflussen kann.

Literatur

Mark Wolynn: Dieser Schmerz ist nicht meiner: Wie wir uns mit dem seelischen Erbe unserer Familie aussöhnen. Kösel-Verlag, 2017, ISBN-10: 346634655X.




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