Focus und der IQ – ein Missverständnis

Tom Holert setzt sich in seinem Text kritisch mit den in zahlreichen Magazinen derzeit hochgespielten Hype um die Hirnforschung und deren angeblich so sensationellen Ergebnissen auseinander. Er zitiert vor allem die zahlreichen Focus-Artikel aus den letzten Jahren, in denen versprochen wird: »So steigern Sie Ihren IQ. Hirnforscher weisen nach: Intelligenz ist lernbar. «Wissenstests«, »Der große Wissenstest: Wie gut ist Ihre Allgemeinbildung?«, »Testen Sie Ihr Wissen! 55 Fragen für die Allgemeinbildung – von leicht bis knifflig«, »Die 100 härtesten Test-Fragen. Allgemeinbildung, Mathematik, Intelligenz, Zeitgeschehen, Führerschein«.

Holert schreibt: „Diesem Nachweis der Lernbarkeit von Intelligenz, der zugleich ein ungeheures Versprechen ist, widmete das »moderne Nachrichtenmagazin« Focus seine Ausgabe vom 8. Dezember. Allerdings, die Sensation hat Methode. Man hat sich an solche Titelgeschichten über die wunderbare Plastizität des Gehirns in den letz­ten Jahren gewöhnen können. Auch an die bunten Hirnbildchen, Diagramme und Laborberichte. Allein Focus versorgt seine Leserschaft seit Jahren regelmäßig mit seitenlangen Storys und »Fakten« aus der angewandten Hirnforschung und Lernpsychologie. »Ganz neu denken!« kommandierte gleich zu Beginn des neuen Jahrtausends der Titel der Ausgabe vom 27. März 2000 und em­pfahl Übungen zur »Nervengymnastik« nach dem Aufstehen: Duschen mit geschlossenen Augen, Zähneputzen mit links, dann bunte Papierfilter vor der Schreibtischlampe anbringen.“

Dabei wird übersehen, dass die Hirnforschung im Hinblick auf Gedächtnis- und Lernleistung nichts anderes tut, als neurophysiologische Korrelate zu einigen längst bekannten und in der Psychologie gut erforschten Phä­nomenen zu beschreiben, die man bisher auf der Verhaltensebene untersuchet hat – siehe dazu die lange Tradition der Lern-, Wahrnehmungs- und Gedächtnispsychologie.

Neuerdings wird hier von Focus der Intelligenzquotienten ins Spiel gebracht, was dem Ganzen noch ein absurdes Sahnehäubchen aufsetzt, denn dadurch wird offenbar, dass man das Konzept der Intelligenz, wie es in der Psychologie definiert wird, nicht begriffen hat – siehe dazu im Detail Intelligenz – was ist das? Intelligenz ist gerade durch die Nichtlernbarkeit und Nichtübbarkeit definiert – sie ist also genau das, was an menschlicher intellektueller Kompetenz übrig bleibt, wenn man alles unternommen hat, um die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu erreichen.

Quelle: Holert, Tom (2008). Update erforderlich.
WWW: http://jungle-world.com/artikel/2008/52/32344.html (08-12-16)




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