Das Böse in der Welt

In einem durch ein eher skurriles Jesusbild gekennzeichneten Büchlein mit dem Titel „Selbsterkenntnis: Der Weg zum Herzen Jesu“ versucht die in den verschiedensten Medien präsente Journalistin und Soziologin Gabriele Kuby, eine ihrer Meinung nach noch unaufgeklärte Öffentlichkeit von ihrem eigenen katholischen Weltbild zu überzeugen, das sie offensichtlich nach einer gescheiterten Ehe durch eine wie auch immer geartete Erleuchtung entdeckt hat. Sie erinnert dabei ein wenig an die in dieser Hinsicht wesentlich radikalere Gloria Polo Ortiz, deren Erleuchtung sich von einem Blitzschlag herleitet. Kuby ist auf Grund ihrer Bildung natürlich wesentlich subtiler, wenn sie an ihr Anliegen herangeht, und aus einer psychologischen Perspektive betrachtet gefährlicher, wenn es darum geht, andere Menschen von der Richtigkeit ihres Weges zu überzeugen. Gabriele Kuby entpuppt sich in diesem Büchlein als eine charakteristische Konvertitin, die sich aus Gründen der eigenen Psychohygiene extrem positioniert, um dann besser auf einen von ihr aufgebauten Götzen reflektieren zu können.

Am Beginn des Büchleins beschreibt sie eingangs und auch wiederholt im Verlaufe des Textes extrem verallgemeinernd die böse, sündige Welt, um dann später ihre Heilsbotschaft los zu werden. Immer wieder arbeitet sie in ihrem Text mit dem Barnum-Effekt, d. h., sie beschreibt Situationen und Probleme, benennt Gefühle und Ansichten, denen wohl eine große Mehrheit der Menschen zustimmen kann, um dann daraus abzuleiten, dass ihre Argumentation und die darauf folgende Lösung die einzig plausible ist. Natürlich wünschen sich Menschen eine bessere Welt, natürlich haben Menschen eine Sehnsucht nach Gemeinschaft! Kommunikationswissenschaftler dressieren bekanntlich heute Politiker und Spitzenmanager erfolgreich darauf, in ihren Statements durch eine Mischung aus einfach formulierten Wünschen, unklaren aber gescheit klingenden Formulierungen und suggerierenden Behauptungen mit sozialen Untertönen zum Erfolg zu kommen.

Daher liest sich das Büchlein in weiten Teilen auch als Propagandaschrift, was in Bezug auf ihr durchaus ehrenwertes Anliegen grundsätzlich nicht so problematisch wäre, jedoch liegt die Gefahr in Kubys Anspruch, die Welt vor dem Bösen retten zu müssen, darin, dass sie nicht mehr dem einzelnen Menschen eine Verantwortung für sein Tun, für Unrecht und Verletzungen zuschreibt, sondern einem ungreifbaren „Bösen“, d. h., dem Teufel. So erleichtert sie Menschen, die sich von ihren Fehlhandlungen durch Externalisieren zu befreien, indem sie die Verantwortung für ihr Handeln an ein außerhalb von ihnen liegendes Böses abschieben können. Sie steht damit in der biblischen Tradition des Scapegoating, also der Einführung eines Sündenbockes. Der Sündenbockmechanismus wird immer dann gebraucht, wenn eine Gemeinschaft innerlich zerrissen ist oder sich vom Zerfall oder von einer Katastrophe bedroht fühlt. Dadurch, dass man damit eine falsche kausale Verbindung zwischen Bedrohung und dem ausgewählten Sündenbock herstellen kann, wird das Übel ausgelagert und die Gemeinschaft stabilisiert. Das trifft bekanntlich aktuell auf die katholische Religionsgemeinschaft zu.

Das von Kuby propagierte, konservativ geprägte Jesusbild funktioniert in dem Text und auch in anderen Schriften (etwa zur allgemeinen Sexualisierung der Gesellschaft) nur aus diesem künstlich aufgebauten Kontrast zu einem bedrohlichen Bösen, sodass mit diesem Abwehmechanismus alle negativen Selbstanteile wie etwa Aggressionen zuerst vom Ich abgespalten und dann auf ein Gegenüber projiziert werden. Kurioserweise bemüht sie allein im Blick auf andere diesen Verdrängungsmechanismus der Projektion, ohne im geringsten selbstkritisch zu sein und zu erkennen, dass die von ihr vermutete Bedrohung durch das Böse bloß eine Projektion ihres verengten Weltbildes auf eine vielfältige und bunte Welt darstellt.




  1. 3 Responses to “Das Böse in der Welt”

  2. Danke für diese psychologisch interessante Aufklärung, wobei Kuby aber in einer Reihe von fundamentalistischen Eiferern steht, die die Kirche ins Mittelalter zurückführen möchte! Man kann nur auf den neuen Papst Franziskus hoffen, dass er die erzkonservativen Kreise in manchen Ortskirchen in die Schranken weist!
    Anselm

    By Anselm on Mai 31, 2014

  3. Danke! Aber da gibt es eine Menge anderer Erzkatholiken und Erzkatholikinnen, die am liebsten wieder die Inquisition und die Hexenverbrennung einführen würden! Das Infame an diesen Leuten ist ja, dass sie das für die Laien in so schöne Zuckerlpackerl einwickeln, dass diese gleuben, das wäre gottgewollt! Ist es mitnichten! Ich habe schon den Verdacht, dass der Teufel sich da in der Kirche eingeschlichen hat …

    By Aufklärer on Jul 19, 2014

  4. Für mich liefert Frau Ortiz nicht als katholische Glaubenspornografie! Denn sie stimuliert sich in ihren Berichten so sehr an der Sexualität, dass man glauben könnte, das Leben sei nur Sex und sonst gar nix!

    By Anton Sch. on Jul 9, 2015

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