Die Black-Box der Psychologie und die Neurowissenschaften

7. April 2012 – 10:56

Ein Merkmal der Neurowissenschaften ist nach Felix Hasler, dass unbedeutende Forschungsergebnisse überverkauft werden, wobei von einer Revolution des Menschenbildes durch die Neurowissenschaften keine Rede sein kann. Hinzu kommt, dass die Hirnforschung in den letzten 50 Jahren kaum wichtige Erkenntnisse geliefert hat, wobei in den letzten Jahren die Selbstüberschätzung der Neurowissenschaften kontinuierlich zugenommen hat, siehe dazu NeurodidaktikNeuroökonomie, Neuroethik. Die sogenannten Erkenntnisse der Hirnforschung haben ja nicht dazu geführt, dass Kinder heute besser lernen oder das Verständnis psychischer Krankheiten besser geworden ist. Angestossen wurde der Hype vor allem durch bildgebende Verfahren, wenn etwa mit Hilfe funktioneller Magnetresonanztomografie die Gehirne von Versuchspersonen beim Treffen einer moralischen Entscheidung oder dem Betrachten eines abstrakten Kunstwerks untersucht werden. Solche Studien vermitteln der uninformierten Öffentlichkeit den Eindruck, dass die Forscher dem Gehirn direkt bei der Arbeit zuschauen können. Aber die Bilder zeigen meistens eine Aktivität im Gehirn, die sehr unspezifisch ist, und die Regionen, die aufleuchten, verwendet der Mensch auch bei einer Vielzahl anderer Prozesse. Bei komplexen Vorgängen bleibt am Ende kaum mehr als die Aussage, dass man dazu mehr oder weniger das gesamte Gehirn benutzt, was eine ziemlich banale Aussage darstellt. An den Überzeichnungen neurowissenschadtlicher Ergebnisse sind meist nicht die Forscher selber verantwortlich, sondern die Medien und ihre Konsumenten, denn ein Artikel über den Sitz der Liebe im Gehirn wird viel eher gelesen als ein Bericht über die Mikromechanismen in den Nervenzellen. Auch der Konkurrenzkampf um Fördergelder ist mittlerweile so gross, dass man als Wissenschaftler auch in der Öffentlichkeit gut sichtbar sein muss, sodass es auch aus diesem Grund zu Übertreibungen bei der Darstellung von Forschungsergebnissen kommt (zusammengefasst nach einem Interview in der Basler Zeitung vom 9. Dezember 2012).

Die Behauptung, dass nun endlich die Neurowissenschaften mit ihren neurobiologischen Methoden dabei helfen, die unergründliche Black-Box des menschlichen Gehirns einen Spalt zu öffnen, ist daher ein vor allem von wissenschaftsgläubigen Medien verbreiteter Unsinn, der vor allem deshalb auf Interesse stößt, da das Interesse an psychologischen Mechanismen schon immer vorhanden war, die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Psychologie aber kaum verbreitet oder umgesetzt wurden. Kurioserweise haben basale Erkenntnisse der Psychologie schon lange in Form einer Alltagspsychologie die Menschen erreicht, wenn man nur an die zahlreichen Begriffe der Psychoanalyse – z.B. das Unbewusste, die Verdrängung, das Ego, das Über-Ich – denkt, die Eingang in den Sprachgebrauch gefunden haben. Kaum jemand registriert noch im Alltag, dass auch Begriffe wie Frustration, Stress, Trauma oder Burnout klassische psychologische Erkenntnisse widerspiegeln. Schon seit langem ist das Gehirn für die Psychologie keine Black-Box, sondern der Begriff bezeichnet nur eine visualisierte hypothetische Modellvorstellung des Behaviorismus, die in dieser extremen Form ohnehin nie ernsthaft für real genommen wurde, sondern vor allem zur Abgrenzung der amerikanischen Psychologie von der europäischen, insbesondere der deutschen, gewählt wurde. Prinzipiell trägt die Neurowissenschaft zu den seit lange bekannten Mechanismen des menschlichen Denkens, Lernens oder auch Fühlens absolut nichts Neues bei, außer die ohnehin schon lange bekannte Tatsache zu untermauern, dass diese Phänomene auf ein biologisches Substrat zurückzuführen sind.

Black Box

Bildquelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNEN/blackbox.jpg (12-04-06)

Übrigens: Kopien dieser vom Autor der Arbeitsblätter für eine seiner Lehrveranstaltung erstellten und offensichtlich recht beliebten Grafik finden sich im Internet auch auf folgenden Seiten:

  • http://www-user.tu-chemnitz.de/~lannek/
  • http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=284
  • http://kognitivismusundvielesmehr.blogspot.com/2011/01/kognitivismus_7082.html
  • http://www.stadtgeist.de/work/buecher/gogobox.htm (in schwarz-weiß)
  • http://www.cobocards.com/pool/de/cardset/3097193/online-karteikarten-deutsch-sprachtheorien/
  • http://themeanings.com/dashboard/plugin/page/word/behaviorism
  • http://themeanings.com/dashboard/plugin/page/word/behaviourism

 


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