Stress in Beruf und Freizeit

Eine Untersuchung des Instituts für Angewandte Psychologie in Köln mit 4378 Befragten hat ergeben, dass 81 Prozent glauben, dass sie durch ihre Arbeit überlastet sind, meist wegen der gleichzeitigen Anforderungen in Beruf und Familie. Auch privat sind viele gestresst, denn 79 Prozent haben das Gefühl, dass der Leistungsdruck in allen Lebensbereichen zunimmt, d.h., der Stress aus dem Beruf ist in die Freizeit herübergeschwappt, denn für 53 Prozent artet die Freizeit in Stress aus, weil sie auch im Privatleben perfekt sein und funktionieren wollen. Dieser Perfektionismus entsteht unter anderem auch dadurch, dass es so viele Wahlmöglichkeiten, sein Privatleben zu bestreiten. Daher dreht sich im privaten Umfeld die Spirale ständig weiter: exzentrischere Hobbys, klügere Kinder, ein größerer Freundeskreis, wobei der Druck durch soziale Netzwerke im Internet den Fortschritte auch noch für alle sichtbar dokumentiert.

Anmerkung zur  Perfektionismus-Falle: Für viele Situationen im Leben ist kein perfektes Ergebnis gefordert, wobei hier meist die 80/20-Regel nach Pareto genügt, die aussagt, dass für ein 80%-Ergebnis nur etwa 20% der verfügbaren Zeit bzw. an Aufwand benötigt werden. Ein solches Ergebnis ist in der Regel vollkommen ausreichend, denn ob man für eine Prüfung lernt, seinen Schreibtisch aufräumt oder ein Abendessen für Freunde kocht, die restlichen 80% der Zeit braucht man, wenn man mit einem 80%-igen Ergebnis nicht zufrieden ist, sondern ein perfektes Ergebnis anstrebt. Vermutlich entsteht dadurch auch Stress, da immer irgendeine Kleinigkeit nicht vollkommen ist. In den meisten Fällen aber gilt, dass es den anderen gar nicht auffällt, dass man es noch besser hätte machen können. Das weiß nur die Perfektionistin oder der Perfektionist selbst.

Übrigens: Die Ursachen des Strebens nach Perfektion liegen für gewöhnlich in der frühen Kindheit, denn in der haben Menschen häufig die Erfahrung gemacht, dass sie nur dann Zuwendung und Anerkennung bekommen, wenn sie perfekt sind, und die Erwartungen der anderen erfüllen. Kinder fühlen sich irgendwie nicht in Ordnung und liebenswert und sind deshalb sehr stark auf die Anerkennung unserer Mitmenschen angewiesen, und sehen in der Perfektion eine Lösung, Anerkennung zu bekommen. Das setzt sich im Internet nahtlos fort, denn auch schon jüngste Kinder messen ihren Wert an der Anzahl der Freundschaften oder Follower in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter.

So verwundert es nicht, dass 96 Prozent der Befragten eine Veränderung in ihrem Leben wollen und gerne mehr Zeit, Ruhe und Geborgenheit in ihrem Leben hätten. Hinzu kommt, dass sie stärker selbst über ihr Leben bestimmen möchten, denn allzu viele Zwänge beherrschen das Arbeitsleben, das auch noch in Balance sein soll, d.h., zwei Stunden mehr Arbeit einfach durch zwei Stunden mehr Freizeit auszugleichen. Diese Work-Life-Balance ist daher eine der unsinnigsten Erfindungen der Beratungs- und Coachingindustrie. Dass es tausende Strategien dafür in Büchern gibt, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass keine einzige davon tatsächlich funktioniert.

Stress in Freizeit und Beruf beginnt im Kindesalter

Niklas Luhmann bezeichnet Kinder als menschliche Trivialmaschinen, als kleine Roboter, die man mit bestimmtem Input füttert, um einen erwünschten Output zu erhalten. Kinder sollen heute vor allem leistungsfähig sein, d. h., es ist heute nicht mehr möglich, dass Kinder und Jugendliche das tun, was sie gelegentlich tun sollten: im Leistungssinne nichts. Wie soll ein junger Mensch sich orientieren, wenn er sich nicht die Fragen stellen kann: Was will ich? Nach Ansicht von Experten ist die Veränderung der Zeitstruktur eine der Ursachen, denn die durchschnittliche Arbeitszeit nimmt zu, Ruhezeiten nehmen ab, niemand macht mehr Pausen bzw. es ändert sich alles so rasch, dass man mit der Anpassung nicht nachkommt. Dabei ist unverplante Zeit für Kinder sehr wichtig.

Quellen & Literatur
Interview mit Paulus Hochgatterer im STANDARD vom 21. März 2014.




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